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Transkript: „Malta im Spannungsfeld von Wachstum, Dichte und Geopolitik“(Folge #84)
Tanja Beyer: Die erste Besiedlung Maltas fand vor ungefähr achteinhalbtausend Jahren statt.
Tanja Beyer: Bis 2011 gab es wegen des starken Einflusses der katholischen Kirche keine Scheidung in Malta.
Tanja Beyer: Bisher gab es in Malta sogenannte goldene Pässe. Das heißt, man konnte die maltesische Staatsangehörigkeit durch Investitionen erwerben.
Tanja Beyer: Der Anteil am Bruttoinlandsprodukt von Online-Gaming und Online-Glücksspielen beträgt circa zehn Prozent.
Tanja Beyer: Die Malteserinnen und Malteser lieben ihre Autos. Am Wochenende sieht man sehr viele Oldtimer hier auf den Straßen.
Tanja Beyer: Maltesisch ist die einzige semitische Sprache, die mit lateinischen Schriftzeichen geschrieben wird.
Julia Lehrter: Willkommen zu einer neuen Folge „Podcast vom Posten“, dem Podcast des Auswärtigen Amts. Heute reisen wir zusammen ins Mittelmeer, nämlich nach Malta. Malta ist der kleinste Mitgliedstaat der Europäischen Union, zugleich aber einer der am dichtesten besiedelten Staaten Europas. Das Land verzeichnet starkes Wirtschaftswachstum, steht aber auch vor Herausforderungen. Von Infrastruktur über Migration bis hin zur energiepolitischen Abhängigkeit. Gleichzeitig spielt Malta eine aktive Rolle in multilateralen Formaten. Darüber spreche ich heute mit der deutschen Botschafterin auf Malta, Frau Tanja Beyer. Herzlich willkommen.
Tanja Beyer: Vielen Dank für die Einladung. Ich freue mich sehr, in Ihrer Sendung heute zu sein.
Julia Lehrter: Frau Botschafterin, Ihre Karriere führte Sie von der Rechtsabteilung in Kasachstan über das Generalkonsulat in Donezk bis hin zu Ihrer jetzigen Position in Malta. Welche Schlüsselerfahrungen haben Sie denn dort sammeln können, die Ihnen jetzt in Ihrer jetzigen Position weiterhelfen?
Tanja Beyer: Ein EU-Mitgliedstaat ist ganz anders als meine vorigen Posten in Kasachstan, der Ukraine, New York City und Moldau.
Zum Beispiel gibt es hier weniger Projektmittel als in den Drittstaaten Kasachstan und der Ukraine, denn bestimmte Standards, Grundrechte und Werte gelten in einem EU-Mitgliedstaat ja schon als erreicht, während ich in Kasachstan damals zum Beispiel noch ein erfolgreiches Projekt für die Abschaffung der Todesstrafe hatte. Außerdem gibt es hier keine EU-Delegation mit Koordinierungsfunktionen vor Ort. Aber es waren ganz unterschiedliche Arten von Auslandsvertretungen, an denen ich bisher gearbeitet habe: Almaty und später dann Astana in Kasachstan und Chişinău in Moldau waren mittelgroße Botschaften. Kyjiw, wo ich 2010 bis 2014 war, war eine Großbotschaft; das Generalkonsulat New York mittelgroß, aber in Verwaltungsgemeinschaft mit der Großvertretung bei den Vereinten Nationen, und 2021/22 bis zum russischen Angriffskrieg auf die Ukraine war ich Leiterin des Generalkonsulats Donezk in der Ostukraine als sogenannte Kleinstvertretung. Da gab es nur zwei Entsandte. Außerdem hatte ich auf meinen früheren Posten ganz unterschiedliche Tätigkeiten: Ich war Referentin für Rechts- und Konsularwesen, für Protokoll, für Presse, für Innen- und Außenpolitik. Ich war Generalkonsulin und hab die Botschaft Chişinău interimsmäßig geleitet und diese ganze Mischung aus unterschiedlichen Vertretungen und unterschiedlichen Tätigkeiten war eine gute Vorbereitung auf die Leitung der Kleinvertretung Botschaft Valletta mit fünf Entsandten und acht lokal Beschäftigten.
Julia Lehrter: Malta ist also flächenmäßig und bevölkerungstechnisch der kleinste EU-Mitgliedstaat, also wir haben's jetzt schon ein bisschen angerissen, und wird oft eher mit einem Stadtstaat verglichen. Wie wirkt sich denn diese extreme Dichte konkret auf das Leben in Politik und im Land aus?
Tanja Beyer: Nach der letzten Zählung 2024 gab es fünfhundertvierundsiebzigtausend Einwohnerinnen und Einwohner auf der Fläche von ein Drittel Berlins. Das sind eintausendachthundert Personen ungefähr pro Quadratkilometer, was für ein Land eine hohe Bevölkerungsdichte ist, für eine kleinere Großstadt nicht so sehr. Trotzdem gibt's große Belastungen der Infrastruktur. Im Berufsverkehr gibt es eigentlich immer Staus. Es gibt lange Wartezeiten im Gesundheitssystem, eine Überlastung der Stromversorgung mit Stromausfällen vor allen Dingen im Sommer. Da ist der Verbrauch höher wegen des Tourismus und mehr Klimaanlagen. Die Müllentsorgung ist immer mal wieder ein Streitpunkt, Wohnraumknappheit führt zu hohen Mieten. Im Unterschied zu Stadtstaaten gibt es in Malta aber durchaus noch freie Flächen, Felder und Landwirtschaft, wenn man so über Land fährt, obwohl Stadtstaaten ja vorrangig in die Höhe bauen und Malta weniger. In Malta gibt's zwar unzählige Baustellen und immer mehr mehrgeschossige Häuser, aber die werden vor allen Dingen als Hotels oder Bürogebäude oder einfach als leerstehende Geldanlage verwendet. Immobilienkauf ist die Hauptinvestitionsform in Malta und demgegenüber ist das Einfamilienhaus - am liebsten als freistehender Neubau - trotz des Platzmangels immer noch der Wunsch der meisten Einheimischen. Die Politik fördert die große Bautätigkeit mit großzügigen Baugenehmigungen und sucht zugleich nach Möglichkeiten, das Wirtschaftswachstum von der Arbeitsmigration zu entkoppeln.
Julia Lehrter: Ein Fun Fact, den ich mir habe geben lassen, ist: Malta soll über dreihundert Kirchen haben, bei gleichzeitig sehr strengen gesellschaftspolitischen Regelungen. Also ich denke da zum Beispiel an das Abtreibungsrecht. Aber Malta ist auch sehr LGBT-freundlich. Die Ehe für alle gibt es seit dem Jahr 2017. Wie prägt denn diese Mischung aus Tradition und Moderne das Land?
Tanja Beyer: Es sollen 365 Kirchen sein, für jeden Tag des Jahres eine, und zusammen mit den vielen kleineren Kapellen sind es wahrscheinlich noch viel mehr. Die römisch-katholische Religion ist in der Verfassung verankert, und über achtzig Prozent der Bevölkerung bezeichnen sich als katholisch, und das ist schon ein Rückgang im Vergleich zu den letzten Jahren. Bis 2011 gab es wegen des starken Einflusses der katholischen Kirche keine Scheidung in Malta, aber seit 2017, wie Sie sagten, die Ehe für alle. Malta hat als erstes europäisches Land schon 2016 die Konversionstherapie verboten - Deutschland erst 2020 - und belegte seitdem Platz eins im Rainbow-Index der rechtlichen Gleichstellung von LGBTIQ+-Personen, bis es 2026 von Spanien verdrängt wurde. Zugleich gibt es in der Gesellschaft vor allem gegenüber Transpersonen immer noch Vorbehalte und Anfeindungen. Und deswegen gibt es zum Beispiel auch eine Selbsthilfegruppe für Eltern von LGBTIQ+, weil da die Gesellschaft nicht so mitkommt mit der rechtlichen Entwicklung teilweise. Malta hat das strengste Abtreibungsrecht in der EU, wie Sie schon sagten. Zugleich wurden aber im Jahre 2025 sechshundertfünfzig Abtreibungspillen aus dem Internet ins Land bestellt und eingeführt für medikamentöse Schwangerschaftsabbrüche in Selbstregie. Und wenn es dann aber zu Komplikationen kommt, schwere Blutungen, und die Frau damit zum Arzt geht und dann den ehrlichen Grund dieser Blutung nennt, kam es allein in diesem Jahr schon wieder zu Haftstrafen auf Bewährung, also Verurteilungen zu Haftstrafen auf Bewährung. Beide große Parteien wollen an der Strafbarkeit des Schwangerschaftsabbruchs festhalten, wollen nur in der Regel andere Strafen als Gefängnisstrafen vorsehen.
Julia Lehrter: Generell ist die Geburtenrate auf Malta ja sehr niedrig, aber seit 2013 wächst Malta durch starke Migration. Es ist sogar die niedrigste Geburtenrate in der ganzen EU. Welche Herausforderungen entstehen da für das Land?
Tanja Beyer: Die Geburtenrate lag 2024 bei 1,01 Kindern pro Frau und trotzdem ist die Bevölkerung, wie Sie sagen, seit 2013 um ein Viertel gewachsen. Wenn man das mit Deutschland vergleicht, das wäre ein Bevölkerungsanstieg von achtzig Millionen auf einhundert Millionen. Einerseits ist die Arbeitsmigration dringend nötig: im Tourismussektor, im Bauwesen, in der Produktion, um das weit überdurchschnittliche Wirtschaftswachstum aufrechtzuerhalten. Zugleich bedeutet diese Arbeitsmigration aber eine starke Belastung der Infrastruktur: im Gesundheitswesen, im ÖPNV, an den Schulen, bei der Müllabfuhr. Und wiederum andererseits würden diese Bereiche ohne ausländische Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte, Busfahrer, Müllwerker, diese sind in der Regel männlich, nicht funktionieren. In der öffentlichen Diskussion findet aber häufig eine Vermischung der irregulären Migration statt, die kaum noch vorkommt, und der dringend nötigen Arbeitsmigration.
Julia Lehrter: Überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum, also das ist ja wirklich ein Stichwort, was man mit Malta gut verbinden kann. Was sind denn die zentralen Treiber dieser Entwicklung?
Tanja Beyer: Kurz zur Einordnung: 2025 lag das Wirtschaftswachstum bei vier Prozent. Davon können wir natürlich nur träumen. Treiber sind vor allen Dingen die interne Nachfrage, beziehungsweise der interne Konsum, und der Export. Wichtige Sektoren hierbei einmal der Tourismus mit 2025 vier Millionen Gästen. Da ist der Kreuzfahrttourismus noch nicht mit eingerechnet. Es gibt auch viele Sprachschulen für Englisch hier. Die sind bei den vier Millionen Gästen mit drin. Ein weiterer Treiber ist der Bauboom, dem leider auch historische Bauten zum Opfer fallen, vor allem aus dem Modernismus und zum Beispiel Kolonialvillen oder historische Reihenhäuser mit Meerblick. Stattdessen werden dort Hotel- oder Bürohochhäuser gebaut. Malta hat außerdem, sehr wichtig, das sechsgrößte Schiffsregister der Welt und ist sehr stark im Finanzdienstleistungssektor und bei Online-Gaming und Online-Betting.
Julia Lehrter: Online-Gaming und Glücksspielindustrie, das war auch etwas, was ich recherchiert hatte und was mich wirklich sehr wundert. Also welche wirtschaftliche Bedeutung haben denn diese Sektoren, diese Bereiche? Und da entstehen doch bestimmt auch regulatorische Spannungen innerhalb der EU.
Tanja Beyer: Der Anteil am Bruttoinlandsprodukt von Online-Gaming und Online-Glücksspielen beträgt circa zehn Prozent. Der Grund dafür ist, dass Malta nach seinem EU-Beitritt 2004 der erste EU-Mitgliedstaat war, der einen Regulierungsrahmen für diesen Sektor festgelegt hat und seitdem hat es sich zu einem der wichtigsten Standorte hierfür entwickelt. Zu Spannungen kommt es, weil die in Malta ansässigen Unternehmen sich auf den freien Dienstleistungsverkehr in der EU berufen und dann online in anderen EU-Mitgliedstaaten tätig sind, ohne dort Zulassungen zu haben, sondern eben mit einer rein maltesischen Lizenz operieren. Der EuGH [Europäische Gerichtshof] hat erst kürzlich entschieden, dass Spielerinnen und Spieler sich für Verluste beziehungsweise für Schadensersatz für ihre Spielverluste auf das Recht ihres Herkunftslandes berufen können, während das maltesische Recht explizit keine Umsetzung von Gerichtsurteilen anderer EU-Mitgliedstaaten zu der Rückerstattung von solchen Verlusten vorsieht. Und das ist natürlich ein gewisses Spannungsfeld.
Julia Lehrter: Ein Stichwort, was man auch ganz oft mit Malta verbindet, ist das Thema Steueroase. Was steckt denn wirklich dahinter und wer… für wen gelten denn diese Vorteile?
Tanja Beyer: Für inländische Unternehmen beträgt der Unternehmenssteuersatz fünfunddreißig Prozent, also erst mal nicht besonders niedrig. Nur ausländische Unternehmen können sich unter bestimmten Voraussetzungen sechs Siebtel dieser Steuern zurückerstatten lassen und dadurch sehen sich inländische Unternehmen verständlicherweise benachteiligt. Ansonsten sieht das aktuelle Budget Steuererleichterungen vor, zum Beispiel für Familien, Rentnerinnen und Rentner. Aber Malta ist jetzt weniger eine Steueroase im klassischen Sinne für vermögende Privatpersonen aus dem In- oder Ausland, sondern es gibt bestimmte Möglichkeiten, als ausländisches Unternehmen sich einen Großteil der Körperschaftsteuern zurückerstatten zu lassen.
Julia Lehrter: Ein Teil des Stroms für Malta wird über ein Unterseekabel aus Italien importiert. Wie stabil ist dieses System denn und welche Maßnahmen will Malta denn ergreifen, um das vielleicht doch zukunftsfähiger zu machen?
Tanja Beyer: Malta erhält über 30 Prozent seines Stroms durch den sogenannten „Interkonnektor“ aus Sizilien. Und bei solchen Unterseekabeln besteht natürlich immer die Gefahr durch eine gewollte oder auch versehentliche Beschädigung. Gewollte Beschädigungen haben wir zum Beispiel auch 2025 mehrfach in der Ostsee gesehen durch die russische Schattenflotte oder sonstige Sabotage, was dann auch zum Beispiel Datenkabel betroffen hat. Für eine ungewollte Beschädigung gibt es ein Beispiel aus Malta aus dem Jahr 2022. Da ist ein Tanker bei Sturm auf Grund gelaufen und dessen Anker hat dann ein Kabel unterbrochen und dadurch kam es dann zu Stromausfällen. Diese Gefahr besteht in Malta vor allen Dingen in unmittelbarer Ufernähe, denn ansonsten ist das Mittelmeer um Malta herum viel tiefer als zum Beispiel die Nord- oder Ostsee. Und daher gibt es hier auch keine normalen Offshore-Windkraftanlagen wie zum Beispiel in der Nordsee, sondern Pläne für schwimmende Offshore-Solar- und Windkraftanlagen, die eben nicht verankert werden können, weil hier das Meer so sehr tief ist. An kurzfristigen Vorsorgemaßnahmen gegen Stromausfälle durch Beschädigungen dieses Interkonnektors hat die Regierung zwei Standby-Dieselkraftwerke. Die können den Interkonnektor aber natürlich nicht voll ersetzen. Und an Maßnahmen für die Zukunftsfähigkeit der Energieversorgung als solche ist aktuell ein zweiter Interkonnektor aus Sizilien im Bau. Das kann Redundanzen schaffen, wenn eben der eine beschädigt wird, ist immer noch der andere da und ein dritter ist bereits ausgeschrieben. Diese Verbindungen sind außerdem wichtig für die großen Offshore-Windanlagen als Möglichkeit für einen Lastenausgleich. Dann soll die kleinere maltesische Insel Gozo eine Müllverbrennungsanlage zur Energieerzeugung erhalten und komplett auf erneuerbare Energien im Übrigen umgestellt werden. Außerdem gibt es derzeit eine Markterkundung für die Deckung von einem Viertel des maltesischen Energiebedarfs durch erneuerbare Energien aus Nordafrika. Aber wie gesagt, das sind Zukunftspläne.
Julia Lehrter: Malta ist ja aber selber sehr sonnig. Also es gibt eine hohe Sonneneinstrahlung, aber trotzdem ist der Anteil erneuerbarer Energien ja vergleichsweise gering. Woran liegt das?
Tanja Beyer: An Land gibt es kaum Freiflächen für Windkraft- oder Solaranlagen. Dort konkurrieren in der Regel schon Landwirtschaft und Bauwesen miteinander und daher gibt es eben diese Pläne für Offshore-Wind- oder Solaranlagen, schwimmende Wind- oder Solaranlagen. Solarpaneele auf Privathäusern und einigen Industriebetrieben gibt es zwar schon, aber es gibt eben auch diese extrem hohe Bautätigkeit. Und wenn dann nebenan ein neues Hochhaus gebaut wird, besteht die Gefahr, dass die Investition, die man in die Solaranlage getätigt hat, dann durch das benachbarte Hochhaus verschattet wird und die Investition eigentlich eine Fehlinvestition war. Deswegen gibt es da nicht so viele Solarpaneele, wie man sich das vielleicht wünschen würde. Es gab schon Vorschläge, dass Solaranlagen verpflichtend sein sollen auf Häusern, die schon die höchstzulässige Bauhöhe erreicht haben. Aber das wurde bisher noch nicht umgesetzt. Vielleicht denkt man da auch daran, dass man irgendwann dann eben diese höchstzulässige Höhe noch mal raufsetzt und es dann eben wieder zu solchen Fehlinvestitionen kommen kann.
Außerdem wird der Strompreis in Malta durch Energiesubventionen künstlich niedrig gehalten, und obwohl zugleich private Solaranlagen finanziell gefördert werden, ist der Leidensdruck zum Umstieg auf erneuerbare Energien einfach noch nicht groß genug, weil die Energiepreise aus konventioneller Energieerzeugung so niedrig sind.
Julia Lehrter: Außerdem, Malta ist zwar sehr klein, gilt aber als Autofahrernation mit dementsprechendem Verkehrsaufkommen. Welche Auswirkungen hat das auf die Umwelt, auf die Gesundheit, aber auch auf die Lebensqualität allgemein?
Tanja Beyer: Bei 574.000 Einwohnerinnen und Einwohnern gab es Ende 2025 457.000 angemeldete Kraftfahrzeuge und täglich kommen 35 neue dazu. Die Malteserinnen und Malteser lieben ihre Autos. Über dreiundsiebzigtausend Personen haben mehr als ein Fahrzeug auf sich registriert. Das sind natürlich auch Nutzfahrzeuge wie Lkw, Busse, Taxis. Es gibt jede Menge Autos von Fahrdienstleistern und es gibt auch Sammlerautos. Am Wochenende sieht man sehr viele Oldtimer hier auf den Straßen. Also diese 457.000 angemeldeten Kfz sind nicht alle gleichzeitig auf der Straße. Trotzdem kommt es ständig zu Stau. Der öffentliche Nahverkehr ist zwar mit einem personalisierten Ticket kostenlos, wird aber von den Einheimischen kaum genutzt, sondern vor allen Dingen von ausländischen Arbeitskräften und Touristinnen und Touristen, und besteht nur aus Bussen ohne eigene Busspuren und Fähren. Außerdem sind die Spritpreise seit Covid durch Subventionen bei 1,21 Euro für ein Liter Diesel und 1,34 Euro für ein Liter Benzin eingefroren und Straßenparken ist kostenlos. Das heißt, es gibt kaum Anreize zum Umstieg auf ÖPNV, und das erst mal zur Lebensqualität. Dadurch einfach sehr viel Stau. Zu den Beeinträchtigungen der Gesundheit: 2023 hatte Malta die höchste Sterblichkeit an Atemwegserkrankungen in der EU. Das wird nicht nur dem Verkehr zugeschrieben, sondern auch Feinstaub aus den zahlreichen Steinbrüchen und aus den Baustellen. Und außerdem gibt es im Sommer unzählige Feuerwerke. Die Auswirkungen des Verkehrs auf die Umwelt sind noch nicht untersucht. Aber wirtschaftlich sind für das Jahr 2025 durch Stau negative Kosten in Höhe von 770 Millionen Euro errechnet worden, was einem Verlust von 3,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts entspricht, und bis 2030 werden 917 Millionen Euro prognostiziert
Julia Lehrter: Ein aktuelles Thema ist außerdem das Urteil des Europäischen Gerichtshofs zu Staatsbürgerschaft durch Investitionen. Vielleicht können Sie für alle Zuhörer:innen, die damit noch gar nichts anfangen können, kurz erklären, was das ist. Aber ich würde natürlich auch gerne wissen, welche Auswirkungen dieses Urteil konkret auf Malta hat.
Tanja Beyer: Bisher gab es in Malta sogenannte goldene Pässe. Das heißt, man konnte die maltesische Staatsangehörigkeit durch Investitionen erwerben. Und diese Regelung hat der Europäische Gerichtshof vor ziemlich genau einem Jahr für mit dem Unionsrecht unvereinbar erklärt, da es eine Kommerzialisierung der EU-Unionsbürgerschaft bedeutete. Vorher hatte Malta erhebliche Staatseinnahmen durch diese goldenen Pässe. Die entsprachen ungefähr dem Wert der jährlichen Energiesubventionen. Und russische Antragstellerinnen und Antragsteller machten den Löwenanteil aus Europa aus, bis das Verfahren für diese Gruppe nach Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine ausgesetzt wurde, da es keine Kontakte mehr zu russischen und belarussischen Behörden gab, um die Angaben überprüfen zu können. Seit 2024 wird dafür ein erheblicher Anstieg von Anträgen aus Nordamerika verzeichnet. Im Juli 2025 wurde dann kurz vor der Sommerpause nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs im Eilverfahren ein neues Staatsangehörigkeitsgesetz verabschiedet, wonach die Staatsangehörigkeit nicht mehr durch Zahlung bestimmter Geldbeträge verliehen wird, sondern per Einzelfallentscheidung bei sogenannten außerordentlichen Leistungen oder Beiträgen, zum Beispiel zu Forschung und Wissenschaft, Sport, Kunst oder Kultur, aber auch bei Schaffung von Arbeitsplätzen oder auch Unternehmertum. Es gibt noch keine Studien über die konkreten Auswirkungen dieser Gesetzesänderungen, aber solche außerordentlichen Beiträge können weiterhin monetärer Natur sein, nur eben jetzt ohne eine feste Preisliste, wie es die früher gab. Und auch wenn kommerzielle Agenturen jetzt keine formelle Rolle im Antragsverfahren mehr haben, sind die weiterhin in die Antragsvorbereitung involviert.
Julia Lehrter: Malta hat ein klassisches Zwei-Parteien-System. Wie stabil ist dieses politische Modell in Zeiten wachsender Herausforderungen?
Tanja Beyer: Beide große Parteien wollen natürlich nichts am Zwei-Parteien-System ändern. Die können ihre Politik, wer jeweils an der Regierung ist, mit einfacher Mehrheit durchsetzen. Es sei denn, es geht um Verfassungsänderungen, wo eine Zwei-Drittel-Mehrheit nötig ist. Ein Zitat dazu: „Gott sei Dank haben wir keine Koalitionsregierung“. Koalitionsregierungen werden hier als ineffizient betrachtet, weil man eben nicht einfach durchregieren kann. Die Staatspräsidentin kritisiert immer mal wieder die fehlende Repräsentation von Wählerinnen und Wählern kleiner Parteien, da wegen des hiesigen Wahlsystems, die sogenannte Single Transferable Vote, das gibt's auch in Irland und ist irre kompliziert, de facto eine 20-Prozent-Hürde besteht. Obwohl für einen Parlamentssitz eigentlich der Gewinn in einem einzigen Wahlkreis genügen würde, schaffen es kleine Parteien einfach bisher nicht ins Parlament.
Julia Lehrter: Daphne Caruana Galizia ist ein Name, den viele Zuhörerinnen und Zuhörer vielleicht schon mal gehört haben. Dahinter verbirgt sich ein Mordfall aus dem Jahr 2017, der sich auf Malta zugetragen hat. Können Sie ein bisschen was dazu erzählen und vor allem, warum dieser Mordfall Auswirkungen auf Maltas Innenpolitik hatte?
Tanja Beyer: Daphne Caruana Galizia war eine Investigativjournalistin, die zum Beispiel auch die Panama Papers mit aufgedeckt hat und dann durch eine an ihrem Auto angebrachte Bombe in die Luft gesprengt wurde im Oktober 2017. Dieser Mord hat zumindest die Zivilgesellschaft gestärkt. Es gab im Nachgang zahlreiche NGO-Neugründungen gegen Korruption, für Rechtsstaat, für Menschenrechte, vor allen Dingen für Presse- und Medienfreiheit. Und die Proteste der Zivilgesellschaft haben dann auch zum Rücktritt des Premierministers geführt. Der Mord als solcher ist bisher rechtlich nicht voll aufgearbeitet. Zwar wurden die Bombenleger zu vierzig Jahren Haft verurteilt. Der Prozess gegen den mutmaßlichen Hintermann steht nach fast neun Jahren aber weiter aus. Genauso wie die Medienreformen, die damals eine unabhängige Ermittlungskommission empfohlen hat.
Julia Lehrter: Malta ist militärisch neutral, also unter anderem kein NATO-Mitglied und stark multilateral ausgerichtet. Warum ist das so und wie zeigt sich diese Haltung konkret in der Außenpolitik?
Tanja Beyer: Die Neutralität ist eigentlich noch ein Relikt des Kalten Krieges. Sie wurde 1987 in der maltesischen Verfassung festgeschrieben, nachdem die britische Militärbasis 1979 abgezogen war aus dem Land. Und es heißt gleich in Artikel drei unter anderem, dass sich Malta keinem Militärbündnis anschließen wird, keine fremden Militärbasen auf seinem Territorium zulässt und dass in maltesischen Werften keine Militärschiffe der beiden „Supermächte“ zugelassen sind. Diese Formulierung zeigt schon, das ist ein bisschen überholt. Auch die Praxis ist etwas überholt, denn US-Militärschiffe wurden in der jüngeren Vergangenheit durchaus in maltesischen Werften repariert. Aber es gibt keine breite Diskussion über diese verfassungsrechtliche Neutralität. Man dachte und denkt zum Teil immer noch, dass Malta durch seine Neutralität am besten geschützt ist. Oder wie der maltesische stellvertretende Premierminister neulich eine Meinungsumfrage zusammengefasst hat: Malteserinnen und Malteser wollen nicht, dass ihre Regierung in Verteidigung investiert, erwarten jedoch, dass die EU sie im Ernstfall verteidigen wird. Aber Malta ist eben gerade nur militärisch neutral und nicht politisch neutral, sondern hat zum Beispiel auch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine klar verurteilt und unterstützt die Ukraine eben mit anderen als Rüstungsgütern. Der Multilateralismus ist für so ein kleines Land wie Malta extrem wichtig, und deswegen boxt es häufig über seiner Gewichtsklasse. Zum Beispiel hat es 2024 kurzfristig den OSZE-Vorsitz übernommen, nachdem Russland Estland blockiert hatte, welches turnusgemäß eigentlich dran gewesen wäre für den OSZE-Vorsitz. 2023/24 war Malta nichtständiges Mitglied im VN-Sicherheitsrat und hatte 2025 den Vorsitz im Europarat.
Julia Lehrter: Welche Rolle spielt Malta denn innerhalb der EU? Also ist es eher Vermittler? Ist es ein Spezialfall, ein Sonderfall oder wirklich ein strategischer Akteur?
Tanja Beyer: Malta entwickelt EU-Beschlüsse konstruktiv mit und ist eigentlich nie Spoiler, sieht aber spezielle Bedürfnisse als neutraler, kleiner Inselstaat an der südlichen EU-Außengrenze mit dem sechstgrößten Schiffsregister der Welt. Es fordert zum Beispiel eine enge Orientierung an den G7 für maritime Sanktionen gegen Russland, um Ausflaggungen aus der EU und vor allen Dingen eben aus Malta zu verhindern. Es wünscht sich Erleichterungen beim EU-Emissionshandel, weil eben die maltesischen Inseln nur per Schiff oder Flugzeug erreichbar sind und auch für Waren oder Umladen von Schiffen sind wegen des EU-Emissionshandels Häfen in Nordafrika ohne solche Emissionsaufschläge günstiger. Und so was wünscht sich Malta für seinen eigenen Hafen auch. Es sieht die Reformen des gemeinsamen Europäischen Asylsystems kritisch, weil sie EU-Mitgliedstaaten an den Außengrenzen ungleich stärker belasten aus maltesischer Sicht, obwohl Malta selbst gar keine Anlandung von Flüchtlingsbooten mehr zulässt und daher die irreguläre Migration hier in Malta so stark zurückgegangen ist, dass Malta von der EU-Kommission nicht mehr als unter Migrationsdruck stehend eingestuft wird. Anders als zum Beispiel Deutschland, das ja gar nicht an einer EU-Außengrenze liegt. Und vielleicht als letzten Punkt noch ist Malta gegen qualifizierte Mehrheitsentscheidungen, sondern hält am Einstimmigkeitsprinzip in der EU fest, weil es sonst Bedenken hat, dass es als kleiner Staat mit seiner Stimme nicht gehört werden würde.
Julia Lehrter: Malta wird oft auf Tourismus reduziert. Was wird denn dabei übersehen?
Tanja Beyer: Ja, wie wir schon gesagt haben, gibt es auch andere boomende Wirtschaftszweige. Außerdem war Malta immer schon strategisch günstig zwischen Europa und Nordafrika gelegen und hat daher eine jahrtausendealte Kultur und Geschichte. Die erste Besiedlung Maltas fand vor ungefähr 8.500 Jahren statt und die megalithischen Ġgantija-Tempel auf Gozo sind 5.500 Jahre alt. Das sind noch mal tausend Jahre mehr als die ägyptischen Pyramiden, und damit sind diese Tempel die ältesten freistehenden Gebäude der Welt. Und es gibt die unterschiedlichsten kulturellen Einflüsse - durch Phönizier, durch Römer, dann durch die arabische und später normannische Besatzung. Jahrhundertelang herrschten hier die Kreuzritter, wurden kurz durch Napoleon abgelöst, und von 1800 bis zur Unabhängigkeit 1964 gab es dann die britische Herrschaft. All das und auch die große geographische und kulturelle Nähe zu Italien spiegelt sich in der Architektur, in Sprache, Essen und Mentalität wider. Das ist eine sehr interessante Mischung.
Julia Lehrter: Genau, nämlich Malta hat eine ganz eigene Sprache mit starken Einflüssen aus Arabisch und Italienisch. Wie prägt das denn die kulturelle Position des Landes?
Tanja Beyer: Maltesisch ist die einzige semitische Sprache, die mit lateinischen Schriftzeichen geschrieben wird, und es ist ganz gut zu verstehen, wenn man Arabisch kann. Außerdem kann man darin italienische, französische und auch englische Lehnworte erkennen. Die Sprache ist von großer Bedeutung für die Identität der Malteserinnen und Malteser. Während der Kolonialzeit war Maltesisch in einigen Kreisen als Bauernsprache verpönt und die Nutzung an einigen Schulen nicht erlaubt, obwohl es seit 1934 schon offiziellen Status neben dem Englischen hatte. Bei der Entscheidung über Maltas EU-Beitritt 2004 war sehr wichtig, dass Maltesisch als EU-Amtssprache anerkannt wird. Seitdem wird die Sprache auch im Inland offiziell mehr gepflegt. Heute ist Maltesisch staatliche Schulsprache, Gerichtssprache, Parlamentssprache und wird auch im Alltag von der Mehrheit der Einheimischen untereinander gesprochen. Die zweite offizielle Sprache ist immer noch Englisch. Daher sind zum Beispiel alle Gesetze zweisprachig: Englisch/Maltesisch.
Julia Lehrter: Malta ist außerdem ein beliebter Drehort für internationale Produktionen. Ich glaube, Game of Thrones ist das Erste, was mir einfallen würde dabei. Können Sie mehr darüber erzählen?
Tanja Beyer: Ja, es gibt zahlreiche bekannte Großproduktionen, die in Malta gedreht wurden. Außer Game of Thrones auch Gladiator, Jurassic World, die deutsche Fernsehserie Das Boot oder auch der Kinderfilm Wickie und die starken Männer. Das sind nur ganz wenige Beispiele. Diese Produktionen werden durch das sogenannte Cash-Rebate-System ins Land geholt. Darunter werden 40 bis in Ausnahmefällen sogar 50 Prozent der Produktionskosten erstattet, die durch den Dreh in Malta anfallen.
Julia Lehrter: Und ist das ein nachhaltiger Wirtschaftsfaktor oder eher Marketing?
Tanja Beyer: Es ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Daher gab es auch Bedenken, als die USA im letzten Jahr ankündigten, Zölle von 100 Prozent zu erheben auf Filme, die außerhalb der USA produziert werden. Das hat sich glücklicherweise bisher nicht materialisiert. Insofern: Aufatmen in Malta. Der Sektor wird natürlich auch als Marketing betrachtet. Filmbegeisterte besuchen Malta, um sich die Drehorte hier anzusehen. Und dadurch, dass ausländische Filmteams nach Malta kommen, gibt es auch kreativen Austausch, kreative Inspiration für die hier vor Ort lokal Filmschaffenden, die zugleich in internationale Produktionen involviert sind. Das hat auch wesentlich zur Professionalisierung der nationalen Filmindustrie beigetragen.
Julia Lehrter: Wie positioniert sich Malta denn insgesamt international, also als Tourismusziel, Finanzstandort oder geopolitischer Akteur?
Tanja Beyer: Da würde ich ganz kurz antworten mit: alles auf einmal. Malta als kleines Land muss sich einfach diversifizieren.
Julia Lehrter: Aber der Tourismussektor boomt auf jeden Fall mit mehreren Millionen Besuchern jährlich. Warum ist Malta denn unbedingt eine Reise wert?
Tanja Beyer: Ich würde sagen, die Mischung macht's. Es gibt Sonne, es gibt Strand, alle Arten von Wassersport, gutes Essen. Das kleine Malta hat zum Beispiel mehr Sterne-Restaurants als Berlin, aber auch im Vergleich zu Deutschland günstigere Restaurants, und eben die jahrtausendealte Geschichte mit mehreren Weltkulturerbestätten. Außerdem bietet es eine interessante Kulturszene mit mehreren internationalen Festivals unterschiedlichster Sparten und Genres. Es gibt Jazz-Festival, Rock-Festival, Barock-Festival, Elektronik. Es gibt im Sommer das Isle of MTV-Festival, es gibt die Kunstbiennale, und Valletta, die Hauptstadt, wurde kürzlich zur beliebtesten Stadt unter Touristinnen und Touristen gekürt. Und außerdem sind die drei Inseln Malta, Gozo und Comino relativ leicht zu erkunden, weil der Staat und die drei Inseln eben nicht so groß sind.
Julia Lehrter: Wenn wir nach vorne schauen, welche Entwicklungen werden Malta in den nächsten Jahren am stärksten prägen? Also demografisch, wirtschaftlich und geopolitisch?
Tanja Beyer: Ich würde erstmal mit demografisch und wirtschaftlich anfangen. Wegen seiner geringen Fläche muss Malta die Wirtschaft weg von arbeitskräfteintensiven Sektoren hin zu höherer Produktivität bewegen.
Höhere Produktivität, höhere Innovation und Mehrwert. Diese Transformation ist nötig, damit die Bevölkerung nicht immer weiter durch Arbeitsmigration vergrößert werden muss, um das große Wirtschaftswachstum beizubehalten. Beim aktuellen Bevölkerungswachstum prognostiziert das Europäische Statistikinstitut Eurostat für 2075 eine Einwohnerinnen- und Einwohnerzahl von circa 766.000. Das sind noch mal ein Drittel mehr als bisher und hätte die entsprechende zusätzliche Belastung für Infrastruktur und Wohnungsmarkt zur Folge. Diese Transformation allein weg von der arbeitskräfteintensiven Wirtschaft hin zur höheren Produktivität wird aber nicht ausreichen, um die Lebensqualität zu erhöhen. Dafür ist auch ein Umdenken in der Verkehrspolitik nötig. Weg vom Individualverkehr mit Autos, hin zum Vorrang von ÖPNV, Fußgängern, Fußgängerinnen, Fahrrädern. Die Nord-Süd-Ausdehnung von Malta ist weniger als 30 Kilometer, Ost-West rund 15 Kilometer. Das sind also machbare Raddistanzen, wenn man entsprechende Radwege hat. Auch wenn im Sommer natürlich es ziemlich schwülheiß hier ist. Denn obwohl oder gerade weil die Malteserinnen und Malteser ihre Autos lieben, wurde kürzlich in einer Meinungsumfrage „Verkehr“ als Problem Nummer eins für das Land und für die Befragten persönlich genannt. Also da muss es auch eine Transformation geben. Und geopolitisch ist die Frage, welche Art von Neutralität noch zeitgemäß ist. Vor allen Dingen, weil Malta als kleiner Inselstaat an der südlichen EU-Außengrenze besonders vulnerabel ist, weil seine Wirtschaft komplett importabhängig ist, wie wir alle vom Datenverkehr, aber hier eben auch von Lebensmitteln, Strom, Medikamenten und so weiter, und eben relativ leicht von allem abgeschnitten werden kann. Und bei globalen Engpässen der Versorgung mit kritischen Gütern, zum Beispiel Halbleitern, was auch eine wichtige Industrie in Malta ist, oder Medikamenten, da kommt's jetzt immer schon mal zu Engpässen, oder Treibstoff wird so ein kleiner Markt wie Malta global nicht priorisiert. Daher ist die internationale Absicherung umso wichtiger.
Julia Lehrter: Und abschließend einmal gefragt: Wo sehen Sie denn die größten Chancen, aber auch die größten Risiken für das Land?
Tanja Beyer: An Risiken sehe ich vor allen Dingen Klimawandel und Wassermanagement. Der kleine Inselstaat Malta ist besonders durch den Anstieg des Meeresspiegels infolge des Klimawandels bedroht. Zugleich herrscht Frischwasserknappheit. Es gibt hier keine Flüsse oder Seen. Es wird, zum Teil illegal, zu viel Grundwasser entzogen, weshalb der Grundwasserspiegel weiter absinkt, und für Trinkwasser ist Malta daher größtenteils auf Meerwasserentsalzung angewiesen, was sehr energieintensiv ist. Und umso wichtiger ist eben auch die Umstellung aus diesem Grund auf erneuerbare Energien - und zusätzlich natürlich vor dem Hintergrund der großen Abhängigkeit von Energieimporten, weil Energie hier im Land kaum selbst generiert wird. Eine Chance sehe ich für Malta darauf, weiterhin eine wichtige Rolle in multilateralen Foren zu spielen, weil Malta vor allen Dingen von südlichen Mittelmeeranrainern als ehrlicher Vermittler zwischen Orient und Okzident betrachtet wird und als EU-Mitglied sowie Mitglied im Commonwealth eine besondere Rolle spielen kann.
Julia Lehrter: Das sind, glaube ich, ganz schöne Schlussworte. Liebe Frau Beyer, vielen, vielen Dank für das Gespräch. Ich freue mich, dass ihr alle da draußen dieses Mal wieder mit dabei wart, und verabschiede mich bis zur nächsten Folge „Podcast vom Posten“.